The truth and nothing but the truth

Die Wahrheit über die Wahrheit? Sie kann weh tun, deshalb lügen wir. Auch ich habe es im August nicht ganz sein lassen können und so habe ich zum Beispiel einmal eine nur halbwahre Ausrede für mein Zuspätkommen gegeben und war nicht immer so schonungslos ehrlich, wie ich es vielleicht hätte sein können.

Vor allem die erste Woche war ein kleiner Spießrutenlauf. Denn da war ich ja noch in Deutschland und einige wenige Leute wussten bereits, dass ich nicht lügen sollte (selbst wenn ich es in meinem Blog noch nicht vermeldet hatte). Trotzdem muss ich sagen, dass sie es dankenswerter Weise nicht ausgenutzt und mich ins Fettnäpfchen haben tappen lassen. Vielleicht wollten sie damit aber auch einfach unsere Freundschaft nicht gefährden. 😉

Nach diesen ersten Tagen fiel es mir dann allerdings recht leicht, nicht lügen zu dürfen – es wurde mir aber auch wirklich sehr einfach gemacht. Ich hatte ja bewusst einen Monat gewählt, in dem ich von vielen Leuten umgeben sein würde, die nichts von meinem Blog-Projekt wissen. Denn schließlich wollte ich unter realistischen Bedingungen sehen, was passiert, wenn man sich die kleinen Flunkereien und Lügen des Alltags spart. Da kam mir der Irland-Urlaub gerade recht.

Und die Iren – quasi meine Versuchskaninchen – waren so unglaublich nett, offen, zuvorkommend und verständnisvoll, dass es kaum einen Anlass gab, die Unwahrheit zu sagen.

Es fing schon direkt am ersten Tag an, als Thomas feststellte, dass er seinen Geldbeutel in dem Taxi hatte liegen lassen, dass uns vom Flughafen zum Hotel in Dublin gefahren hatte. In der Hoffnung, dass der nette ältere Fahrer, mit dem wir uns zuvor so gut unterhalten hatten, den Geldbeutel entdecken würde, sind wir erst einmal ins Pub gegangen, um den Schreck mit einem Guinness runterzuspülen. Als wir zum Hotel zurückkamen, hatte der Taxifahrer tatsächlich Thomas‘ Geldbeutel samt aller Papiere und Bargeld vorbei gebracht. Wenn das mal kein toller Auftakt für einen Urlaub ist!

Und es ging so weiter. Wohin wir auch kamen: nur unheimlich nette Menschen. Zudem waren alle auch noch so großzügig, dass man sich nicht einmal einen Vorteil erschwindeln hätte können (nicht dass ich sowas normalerweise tun würde!). Aber anstatt um einen Rabatt feilschen zu müssen, haben wir zum Beispiel beim Golfen jedes Mal etwas geschenkt bekommen, ohne überhaupt danach zu fragen: Sei es ein Ball mit Golfplatz-Logo als Andenken, einen Teil der Greenfee oder die kostenlose Nutzung der Trolleys. Auf sowas warten wir in Deutschland bisher noch vergeblich …

Selbst am King’s Castle in Limerick, als wir am Einlass fragten, ob man auch ohne den vollen Eintritt zu bezahlen einen kurzen Blick auf das Schloss erhaschen könnte (wir waren nur auf der Durchreise und hatten für einen längeren Stopp keine Zeit), gab es eine freundliche Antwort und einen super Tipp, statt eines (vielleicht sogar angebrachten) blöden Spruchs.

Bei so viel Freundlichkeit gab es natürlich keinen Grund für Unwahrheiten. Das heißt, nicht ganz … Wenn es um negative Kritik ging, haben wir uns schon stark zurück gehalten. Unser Hotel in Dublin war wirklich grauenhaft, aber da wir bei der Abreise nicht danach gefragt wurden und alle Angestellten so bemüht waren, haben wir uns einen Kommentar einfach gespart. Eine Lüge war das nicht, aber auch keine schonungslose Offenheit.

Immerhin, als unsere neue Freundin Cynthia, die wir in Galway kennengelernt haben, sagte, dass Limerick doch eine hübsche Stadt sei, war ich ehrlich und sagte, dass mir das, was ich gesehen habe, gar nicht gefallen hat. Aber weil die Iren so nett sind, fühlte sie sich noch nicht einmal beleidigt, sondern freute sich über so viel Ehrlichkeit.

Trotzdem: Manchmal ist eine kleine Flunkerei einfach besser, als die hässliche Wahrheit. Wenn dich zum Beispiel ein wildfremder Ire mit breitem Lächeln anspricht und fragt, wie es dir geht, weil er ein Gespräch anfangen will, dann beißt du eben die Zähne zusammen, obwohl es dir an dem Tag besch… geht, lächelst zurück und antwortest höflich: „I’m fine, thank you, and how are you?“ Und weil in Irland aus sowas oft die besten Gespräche entstehen, ist es eigentlich auch gar keine Lüge, weil du dich gleich schon ein bisschen besser fühlst – versprochen.