Mein Monat ohne Lügen

„Ehrlichkeit ist etwas für starke Menschen, schwache wählen die Lüge“, hat eine Freundin auf Facebook gepostet. Wie passend, denn in meinem Monat ohne Lügen muss nicht nur ich stark sein, sondern auch die Menschen um mich herum.

Jeder von uns lügt täglich – mehrfach sogar. Dabei geht es nicht nur um große allumfassende Lügenkonstrukte, auch das kleine Flunkern bei Alter oder Gewicht, das Schummeln bei einem Test oder eine leichte Verschönerung der Umstände zählen schon dazu.

Ich habe beschlossen, es diesen Monat mal so gut es geht ohne Lügen zu versuchen. Ein Kollege hat bereits vermutet, dass mir das nicht ganz so schwer fallen dürfte, weil er mich für recht ehrlich halte und ich doch immer recht deutlich meine Meinung sagen würde. Das stimmt zwar, aber trotzdem bin ich ja kein Unmensch. Und so verpacke auch ich unangenehme Tatsachen meist so hübsch  wie möglich – man will ja schließlich niemanden beleidigen. Manchmal sind einem Fragen auch so unangenehm, dass man sich mit einer kleinen Notlüge aus der Affäre zieht. Ich glaube außerdem, dass eine Lüge etwas Gutes haben kann, ja sogar, dass sie das menschliche Zusammenleben in vielen Fällen überhaupt erst möglich macht.

Was also passiert, wenn ich einfach komplett ehrlich bin, kann ich besonders gut an Menschen testen, die mich nicht kennen und die von meinem Projekt nichts wissen. Denn sie versuchen nicht absichtlich mich herauszufordern oder unbequeme Fragen zu stellen, verstehen aber auch nicht, warum ich so unhöflich bin, sollte es einmal nötig sein. Dies ist übrigens einer der Gründe, warum ich diesen Beitrag erst jetzt schreibe. Denn seit gestern bin ich in Irland.

Ein paarmal habe ich auch im August schon eine Lüge ausgepackt. Zum Beispiel am Einwohnermeldeamt, als mich die Frau am Sonderschalter fragte, warum ich eigentlich erst jetzt einen neuen Ausweis beantrage, nachdem meiner bereits vor über einem Monat verloren gegangen war. Da begann ich ganz instinktiv zu erzählen, dass es mir nicht früher aufgefallen sei, überlegte es mir in der Mitte der Geschichte dann aber anders und gab doch noch zu, es wohl schon in Rom gemerkt zu haben. Der Frau war das offenbar ganz egal, sie musste nur für das Protokoll nachfragen. Eine Lüge wäre also überhaupt nicht nötig gewesen, sie kam mir trotzdem recht leicht über die Lippen.

Meine Ehrlichkeit hat dafür neulich eine Verkäuferin im Edeka-Markt zu spüren bekommen. Ich hatte an der Fischtheke marinierten Lachs gekauft und erst an der Kasse die horrende Summe auf meinem Einkaufszettel gesehen. Vielleicht hätte ich normalerweise einfach nur kräftig geschluckt, dieses Mal nicht. Stattdessen bin ich mit dem Fisch zur Theke zurück gegangen und habe nachgeforscht, was dort schief gelaufen sein könnte. Die Verkäuferin hatte um 19 Uhr bereits einige Preisschilder entfernt und so war der Lachs, den ich dachte für einen angemessenen Preis zu kaufen, lediglich der für den unmarinierten Fisch. Da habe ich der jungen Dame gesagt, dass ich das für den Kunden recht verwirrend fände und ich einen Fisch, der so viel teurer ist, nur weil jemand ihn vorher in Kräuter eingelegt hat, niemals kaufen würde. Da hat sie dann kurz geschluckt und mir mein Paket in den unbehandelten Lachs umgetauscht – und ich habe ganz nebenbei für dieselbe Portion fast fünf Euro gespart.

Nicht lügen zu dürfen und das auch so zu kommunizieren, hat übrigens auch Vorteile: Zum Beispiel, wenn man einer Freundin, die jammert, dass sie ein paar Kilo zugenommen hat, sagen kann, dass sie immer noch toll aussieht. Und das mit dem Nachsatz – „Und du weißt ja, ich darf nicht lügen“, garnieren kann. Da war die Freude über das ehrlich gemeinte Kompliment doppelt so groß.