Kein Anschluss unter meiner Nummer

Lady with iPhone, after Jean Perréal, Mike Licht

Seit zehn Tagen ist mein iPhone jetzt aus. Und ehrlich gesagt hatte ich mir das  schwieriger vorgestellt. Tatsächlich vermisse ich es bisher kaum.

Klar, es gab schon ein paar Situationen, in denen mir ein Smartphone wirklich gelegen gekommen wäre. Zum Beispiel als ich vor kurzem mit meiner Freundin Resi nach Regensburg zum Shoppen gefahren bin.

Da mir Google Maps nicht zur Verfügung stand, musste ich dieses Katastrophen-Navi verwenden, das in meinem Auto eingebaut ist. Richtig gut hat es ja noch nie funktioniert, aber jetzt ist das gute Teil auch noch in die Jahre gekommen und leidet an einer Art GPS-Demenz. Die Aussetzer der komischen Tante in dem schwarzen Kästchen werden immer häufiger: Plötzlich verliert sie die Orientierung, behauptet irgendwo anders zu sein, und erzählt mir mitten auf der Autobahn, ich solle doch bitte wenden. Und dann dreht sie selbstständig die Lautstärke hoch und brüllt in anschwellendem Ton „lauter – LAUTER – LAAAUUUTEEER“, bis ich schließlich entnervt abschalte. Thomas sagt in solchen Momenten dann immer: „Irgendwann reiße ich es raus und schmeiß‘ es zum Fenster raus.“ 🙂

Unser Ziel haben wir am Ende doch noch erreicht – mit ein bisschen Hilfe von Resis Handy, muss ich gestehen. Immerhin: Mein eigenes blieb aus.

Ansonsten hat die smartphone-lose Zeit auf mich bisher vor allem einen entspannenden Effekt. Nicht ständig erreichbar zu sein, nicht immer und überall alles wissen zu müssen, empfinde ich als angenehm. Ich muss nicht ständig über jeden Schritt meiner Freunde und Bekannten informiert sein, muss nichts beantworten und nichts liken. Was wirklich wichtig ist, erfahre ich schon – wenn auch vielleicht nicht sofort. Und was sonst so in der Welt geschieht, bekomme ich über Zeitung, Fernsehen und Radio schnell genug mit.

Interessanterweise scheint die Situation für meine Freunde und Familie anstrengender zu sein, als für mich selbst. Denn sie versuchen in letzter Zeit öfter vergeblich, mich an die Strippe zu bekommen. Am Ende ist eine E-Mail mit der Bitte um Rückruf die beste Variante. Außerdem machen wir Verabredungen wieder länger im Voraus fix. Uhrzeit und Ort werden festgelegt, ohne lange herum zu tun.

Und wenn mal etwas an mir vorbei läuft, ist das auch kein Drama. Martina hat das vor kurzem clever gelöst, indem sie mir einen Screenshot des What’s-app-Chats mit den Mädels einfach per Mail geschickt hat. So bekomme ich zwar nicht die ganze Diskussion mit, aber zumindest das Ergebnis. Und genau das ist ja auch das Wichtigste.

Klar kann ich einige Funktionen meines Handys zurzeit nicht nutzen. Wenn mir ein Lied im Radio gefällt, kann ich es nicht mit Shazam taggen. Wenn ich laufen gehe, fasst mir Runtastic nicht zusammen, wie lange ich auf welcher Runde gebraucht und wie viele Kalorien ich dabei verbraucht habe. Ich kann weder schnell ein Foto schießen, noch meine E-Mails oder Facebook-Nachrichten unterwegs checken. Und als ich heute morgen im Einwohneramt die Nummer 199 gezogen hatte, habe ich in der Wartezeit eben nicht auf dem Handy herumgespielt, sondern die Leute beobachtet – meist dabei, wie sie ihrerseits auf dem Handy gedaddelt haben. Ist das jetzt wirklich ein Verlust?

Eigentlich geht’s mir ganz gut damit. Und seien wir mal ehrlich: Es wäre doch auch traurig, wenn es gar nicht mehr ohne Handy ginge, oder? Schließlich sind wir ja auch so alle irgendwie groß geworden …

Foto: Lady with iPhone, after Jean Perréal, Mike Licht