Von Papierbergen und Phantomvibrieren

Der Februar war gerade ein paar Minuten alt, als ich zum ersten Mal mit dem Fehlen meines Handys konfrontiert wurde. „Hast du eigentlich einen Wecker?“, fragte mein Mann, als ich mich gerade ins Bett  gekuschelt hatte. Verdammt. Einen Wecker. Wer braucht denn noch so was? Daran hatte ich nun wirklich nicht gedacht.

Ein Monat ohne Handy bedarf ein wenig an Vorbereitung. Zunächst habe ich mein iPhone noch einmal synchronisiert, um auch wirklich alle Daten auf meinem Rechner zu haben. Dann habe ich mir alle Kontakte und meinen Kalender für die kommenden sechs Wochen ausdrucken lassen. Jetzt schleppe ich ständig einen Pack DIN-A4-Seiten mit mir herum, denn so etwas wie einen Terminplaner habe ich ja nicht mehr.

Es ist unglaublich, wie schnell man sich daran gewöhnt, dass einem die Technik alles abnimmt. Mein erstes Handy habe ich mir 1999 kurz vor Weihnachten gekauft – eine Woche später, an Silvester, wurde es mir in einer Bar aus der Jackentasche gestohlen. Statt mein schickes neues Handy präsentieren zu können, musste ich mir auf die Schnelle irgend ein Billigteil besorgen, dass so groß und so ästhetisch war, wie ein Brikett.

Schon bald hatte ich mich daran gewöhnt, immer erreichbar zu sein. Plötzlich wusste ich die Telefonnummern meiner Freunde nicht mehr auswendig. Ich musste sie ja schließlich nicht mehr selbst wählen. Wir hörten auf, genaue Orte und Zeitpunkte auszumachen, um uns zu treffen. „Ich bin jetzt da, wo bist du?“, ersetzte das Pünktlichsein.

Die wirklich große Veränderung brachten aber erst die Smartphones. Bis ich mein erstes iPhone in den Händen hielt, hatte ich mein Handy vor allem zum Telefonieren, SMS-Schreiben und als Kontaktspeicher genutzt. Doch auf einmal stand mir die ganze Welt des Internet zur Verfügung – immer und überall, pausenlos.

Das Handy wurde zum unverzichtbaren Begleiter. Bis vor vier Tagen habe ich es als Wecker verwendet, meine Emails gecheckt, Musik gehört, Spiele gespielt, Fotos gemacht, bearbeitet und veröffentlicht, über Facebook und What’s app mit meinen Freunden Kontakt gehalten und die wichtigsten Nachrichten konsumiert – wie die meisten von uns. Egal welche Frage ich hatte – seien es Ladenöffnungszeiten, der Name eines Schauspielers, die Fußballergebnisse oder sonst etwas – innerhalb von Sekunden hatte ich die Antwort auf meinem iPhone. Hatte ich mein Handy mal zu Hause vergessen, bin ich entweder umgedreht oder habe ich mich den ganzen Tag gefühlt wie ein halber Mensch. Selbst im Urlaub blieb es an und ich habe mir sogar einen dieser sündhaft teuren Auslandswochenpässe gebucht, nur um weiterhin online zu sein.

Jetzt bin ich auf einen Schlag offline – und stelle fest: Es geht auch so. Ging ja früher auch.

Klar, es ist eine Umstellung. Ich habe sogar schon das sogenannte „Phantomvibrieren“ erlebt – kein Witz, es gibt sogar einen Wikipedia-Eintrag zu diesem „Krankheitsbild“. Dabei bildet man sich ein, das Handy habe vibriert, obwohl man es gar nicht bei sich trägt. Einiges ist natürlich beschwerlicher, einiges aber auch angenehmer. Ich bin tatsächlich ein bisschen weniger gestresst, weil manche Dinge jetzt einfach nicht hier und sofort funktionieren. Wer mich erreichen will, muss eben warten, bis ich am Festnetz oder am Computer sitze. Und wenn ich etwas wissen will, geht es mir genauso. Ich konzentriere mich jetzt aufs Essen oder Fernsehen, statt das Handy zu checken und höre beim Autofahren Musik, statt zu telefonieren. Sollte ich tatsächlich das Unwort „Entschleunigung“ verwenden? Nee, soweit kommt’s nicht.

Ach ja, ich hatte vom Wecker erzählt. Ich konnte natürlich in unserer ganzen Wohnung keinen auftreiben, wir besitzen nicht mal mehr eine Stereoanlage, von der ich mich hätte wecken lassen können. Glücklicherweise habe ich aber noch ein iPad. Und das hat auch eine Weckfunktion, wie ich am Sonntag überrascht zur Kenntnis genommen habe. Bis dahin war mir das gar nicht klar. Bevor jetzt jemand mahnend den Zeigefinger hebt: Ich nutze das iPad nur zu Hause und schleppe es natürlich nicht als iPhone-Ersatz mit mir herum. Ich will mich ja schließlich nicht selbst beschummeln.